Ansprache von Erzbischof Zollitsch in der Vollversammlung der Peruanischen Bischofskonferenz in Lima

Ansprache des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, in der Vollversammlung der Peruanischen Bischofskonferenz in Lima am 2. Dezember 2011:

Eminenz, sehr geehrter Herr Kardinal Cipriani,
Exzellenz, sehr geehrter Monseñor Cabrejos, Erzbischof von Trujillo und Vorsitzender der Peruanischen Bischofskonferenz, liebe Herren Erzbischöfe und Bischöfe unseres Partnerlandes Peru!

Zum dritten Mal darf ich seit meinem Amtsantritt als Erzbischof von Freiburg zu Ihnen hier in der Aula der Peruanischen Bischofskonferenz sprechen, zum ersten Mal auch in meiner Eigenschaft als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Von Herzen danke ich Ihnen für Ihre freundliche Einladung und überbringe Ihnen die herzlichen Grüße der Katholischen Kirche in Deutschland, ihrer Hirten und aller Gläubigen. In besonderer Weise grüße ich Sie im Namen meiner Erzdiözese Freiburg, die in diesem besonderen Jubiläumsjahr 2011 mit der katholischen Kirche in Peru durch den „pacto de hermandad“, unsere Partnerschaft, in herzlicher Freundschaft und im Band des gemeinsamen Glaubens verbunden ist.
Es ist gerade eine Woche her, dass wir in São Paulo und Aparecida des 50 jährigen Bestehens der bischöflichen Aktion Adveniat gedacht haben. Einige der hier Anwesenden haben an den Feierlichkeiten in Brasilien teilgenommen. Große Persönlichkeiten wie etwa Kardinal Hengsbach stehen uns vor Augen: Namen, die in ganz Lateinamerika einen herausragenden Klang haben.

Die gleich zu Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils getroffene Entscheidung der deutschen Bischofskonferenz, sich unter dem Namen „Adveniat“ in eine besonders intensive Verbindung pastoraler Solidarität mit ganz Lateinamerika zu begeben, hat für uns alle große Früchte getragen. Nicht nur auf dem „Kontinent der Hoffnung“, wie Papst Paul VI. Lateinamerika bezeichnet hat, sondern nicht weniger in Deutschland, wo das weltkirchliche Engagement durch unsere Hilfswerke Adveniat, Caritas international, Kindermissionswerk, Misereor, Missio und Renovabis die Horizonte globaler Solidarität weit aufgestoßen hat. Die Verlebendigung im Glauben, die wir Katholiken in Deutschland dadurch erfahren haben, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ich freue mich, dass durch die Anwesenheit des Geschäftsführers von Adveniat, Prälat Klaschka, die vielfältige Verbundenheit gerade auch mit Peru einen sichtbaren Akzent der besonderen Wertschätzung erhält.

Als im Jahr 1996 der damalige Kardinalerzbischof von Lima, Augusto Vargas Alzamora SJ, aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums der Perupartnerschaft in Freiburg weilte, unterstrich er die enge historische Verbindung von Adveniat und unserem pacto de hermandad. Man darf wohl sagen, dass es nicht zu dieser besonderen weltkirchlichen Verbindung gekommen wäre, wenn nicht die Hilfswerke wie Misereor oder eben besonders Adveniat Wegbereiter der transeuropäischen Freundschaft und Solidarität geworden wären. Freilich ging es uns in Freiburg nicht um den Aufbau eines zusätzlichen Hilfswerkes für Peru, sondern um einen neuen Typ des gegenseitigen Austauschs in Gebet, Begegnung und Solidarität. Wir erleben es heute hier in der peruanischen Bischofskonferenz, wir werden es heute Abend in der feierlichen Eucharistie in der Kathedrale von Lima erleben, und nicht weniger bei dem großen Begegnungsfest am morgigen Samstag: wir sind eine Familie geworden. Wenn Freiburg nach Peru kommt, heißt es „bienvenidos a casa“, willkommen zu Hause! Unzählige menschliche Kontakte und tiefe Freundschaften haben sich in den 25 Jahren gebildet, jährliche gegenseitige Besuche in erstaunlichem Ausmaß und Umfang, dazu die gegenseitige Befruchtung, indem wir die jeweiligen Glaubenserfahrungen und Entwicklungen in Kirche und Gesellschaft lebendig miteinander teilen. Schon bei meinem ersten Besuch in Peru, im Jahr 2004, durfte ich bei meiner Predigt in der Kathedrale von Tacna, beim damaligen Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Monseñor Hugo Garraycoa, das inzwischen geflügelte Wort des jetzigen Erzbischofs von Ayacucho, Monseñor Salvador Piñeiro, aufgreifen: „La Partnerschaft tiene más futuro que pasado“ und das gilt auch sieben Jahre später noch: „die Partnerschaft hat ihre Zukunft noch vor sich!“

Das ist erstaunlich, denn es handelte sich von Anfang an um ein wahrlich nicht leichtes Experiment. Seit 1962 unterstützten – das ist bekannt – die Gläubigen Freiburgs über die „acción del padrinazgo – die Patenschaftsaktion“ die Priesterausbildung in Peru. Eine Brücke der Solidarität, die bis heute lebendig ist, und die uns in Freiburg viel bedeutet. Aber es war uns im Lauf der Jahre nicht genug, nur eine anonyme Verbundenheit mit Peru zu pflegen. Uns interessierte das konkrete Leben der Kirche, ihre Vitalität, die Glaubensfreude der hier lebenden Menschen und die Entwicklung eines der bedeutendsten lateinamerikanischen Länder. Noch in seiner jüngeren Geschichte erlitt Peru die Schrecken des Terrors, erlebte aber auch das immer neue Aufblühen einer Nation, getragen durch den Familiensinn, die alten Traditionen der geschwisterlichen Kooperation. Auch die aktuellen Herausforderungen Ihres Landes stehen uns deutlich vor Augen, in ökonomischer und ökologischer Hinsicht. Umgekehrt wissen wir, dass Sie auch von peruanischer Seite lebhaft Anteil nehmen an dem, was in Deutschland geschieht, im Kontext Europa, und was es für uns in Freiburg bedeutet, wenn wir im Dialog mit der Gesellschaft leben und die Neuevangelisierung unseres Landes in den Blick nehmen. Vieles, sehr Vieles ließe sich hierzu sagen, und ich überlasse es dem brüderlichen Gespräch bei anderen Gelegenheiten, hier vertiefend zu informieren und den weiteren Austausch zu pflegen.

Partnerschaft, wie wir sie uns vorstellen und wünschen, erschöpft sich ja nicht im Austausch von Freundlichkeiten. Sie nimmt teil an „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ der Geschwister im anderen Land, wie es in „Gaudium et spes“ eindrucksvoll formuliert wurde. Überhaupt kann resümierend festgestellt werden, dass ohne die starken Impulse des Konzils eine Verbindung wie die jetzt 25 Jahre bestehende Beziehung zwischen der katholischen Kirche in Peru und der Erzdiözese Freiburg überhaupt nicht denkbar gewesen wäre. Wir ernten heute, was die Konzilsväter in einer globalen Vision vorbereitet haben. Auch und gerade mit Modellen der Verbundenheit in Gestalt unserer Partnerschaft tragen wir zur Rezeption des Konzils bei! 25 oder 50 Jahre sind in der Kirchengeschichte eine kurze Zeit. Die Zukunft erwartet unseren Einsatz, und auch den „compromiso“ derer, die nach uns Verantwortung tragen werden.

Wir werden im Festgottesdienst heute Abend einen Kranz am Grab von Kardinalerzbischof Juan Landázuri Ricketts niederlegen. Er hat meinen Vorgänger, Erzbischof Oskar Saier, von der grandiosen Idee einer Partnerschaft mit dem ganzen Land Peru überzeugt. Indem wir dieser Gründergestalt die Ehre geben, schließen wir all jene mit ein, die an der Wiege der Partnerschaft standen: die Bischöfe Luciano Metzinger, Germán Schmitz, Oskar Saier und sein damals zuständiger Referent Prälat Wolfgang Zwingmann. Auch der Diözesanrat und seine Vorsitzenden, Frau Helene Freifrau von Heyl, Frau Christel Ruppert und die jetzige Vorsitzende des Diözesanrats, Frau Martina Kastner, dürfen nicht unerwähnt bleiben, wenn es um die Verdienste für die Partnerschaft geht. Andere mehr werden in diesen Tagen unseres Besuchs noch genannt und entsprechend bedacht werden.

Ich darf, verehrte Brüder im Bischofsamt, meine Ausführungen nicht beschließen, ohne auf den denkwürdigen Besuch des Heiligen Vaters hinzuweisen, den wir im zurückliegenden September in Deutschland und – zu meiner allergrößten Freude! – auch in Freiburg erleben durften. Mein Kollege im Amt des Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Monseñor Héctor Miguel Cabrejos, hatte uns die Ehre erwiesen, die Einladung zur Teilnahme in Freiburg anzunehmen. Es war mir eine Selbstverständlichkeit, seinen Namen und seine Anwesenheit bei meiner Begrüßung am Beginn der Papstmesse mit über 100.000 Gläubigen eigens zu erwähnen und so auch dem Papst in Erinnerung zu rufen. Peru ist in gewisser Hinsicht unser Freiburger Markenzeichen und auch unser Stolz. Wir haben viel investiert, und es wurde uns noch mehr geschenkt. Als Kardinal Joseph Ratzinger zum Papst gewählt wurde, erhielten wir die ersten Glückwünsche zu diesem historischen Ereignis von Ihnen, aus Peru! Und als sich abzeichnete, dass Papst Benedikt während seines Deutschlandbesuchs auch Freiburg besuchen würde, waren es wieder die ermutigenden Stimmen herzlicher Mitfreude, die uns hier aus Peru erreichten. Mit guten Gewissen kann ich jedes Jahr junge Menschen, die als Voluntarios und Voluntarias zu Ihnen kommen, zum ersten Mal in ihrem Leben aus dem Elternhaus und in die Ferne ziehen lassen. Ich weiß, dass sie hier in Peru herzliche Aufnahme und familiäre Nähe finden. Der schwierigste Teil ist es fast, die Jugendlichen auszuwählen – so viele bewerben sich bei uns, um nach Peru fahren zu können!

Auch in unserem neuen Diözesanbuch, das wir anlässlich des Papstbesuches herausgegeben haben, hat die Partnerschaft selbstverständlich ihren Platz. In der Erzdiözese Freiburg ist „Peru“ ein stehender Begriff.

Mehr, als wir vielleicht ahnen, ist das Miteinander, über die Weiten des Atlantik und des lateinamerikanischen Kontinents, zuletzt über die Anden, hinweg tief in unsere Herzen und Seelen eingedrungen. Und noch gut erinnere ich mich, wie ich während des Heimflugs nach meinem ersten Perubesuch im Jahr 2004, zu meinem Begleiter sagte, dass dieser Besuch in Ihrem Land mir in meiner damals eben erst übernommenen bischöflichen Verantwortung die weltkirchliche Tragweite und die damit nicht weniger verbundene Freude meines Amtes ganz intensiv und unvergesslich erschlossen hat.

„Miteinander Kirche sein für die Welt von heute“ – dieses Leitwort pastoralen Handelns in unserer Erzdiözese Freiburg ist uns Vermächtnis und Auftrag. Wir können es nicht buchstabieren, ohne dabei an Sie zu denken, unsere Schwestern und Brüder in dem wunderschönen Land Peru! Dafür möchten wir ein Zeichen setzen hier in Bischofkonferenz: Wir haben Ihnen einen Posaunenengel mitgebracht – einen Engel vom Münsterturm. Dort steht er und drei weitere in 80 m Höhe und kündigt das Jüngste Gericht und den Beginn der Ewigkeit an. Möge dieser kleine Engel Ihnen immer in Erinnerung rufen, dass wir für Sie da sind; dass Ihre Geschwister in Freiburg Sie betend begleiten!

Es ist das schönste Willkommen, wenn man in Peru ankommt und erlebt, dass die zwei deutschen Wörter, die fast jeder Peruaner kennt, „Volkswagen“ sind, und – „Partnerschaft“. Wie in Deutschland Autos gebaut werden, darauf habe ich keinen Einfluss. Möge sich die Partnerschaft weiter gemeinsam entwickeln, dafür will ich mit aller Kraft mit Ihnen gemeinsam arbeiten und beten!

Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Aufmerksamkeit!

 

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