Predigt von Erzbischof Zollitsch beim Gottesdienst des St. Andreas Patronatsfestes in Pueblo Nuevo

Predigt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, beim Gottesdienst des St. Andreas Patronatsfest in Pueblo Nuevo am 30. November 2011:

 

Röm 10,9-18; Mt 4,18-22

Schwestern und Brüder in der Gemeinschaft des Glaubens!

Ich freue mich, dass wir heute bei Ihnen sein dürfen. Es ist eine große Ehre, dass wir Ihr Patronatsfest mit Ihnen feiern dürfen, und ich Ihnen dabei eine Ansprache halten darf. Vielen Dank! Ich hoffe, dass Sie gut damit klarkommen, dass die Predigt übersetzt wird – ich selbst spreche leider kein Spanisch.

Sie haben einen herausragenden Patron, den Apostel Andreas, den Bruder des heiligen Petrus. Und haben etwas für ihn getan. Vor genau einem Jahr durften Sie stolz in Ihre frisch renovierte Kapelle einziehen und ich muss sagen: „Hut ab!“, wie man auf Deutsch sagen würde. Ihnen ist wirklich Gutes gelungen und es ist eine besondere Freude, in einem Gotteshaus Gottesdienst zu feiern, das die Gemeinschaft mit ihren eigenen Händen, mit ihrem eigenen Herzblut gebaut hat. Ein Fest wie das heutige Patronatsfest ist für Viele von Ihnen, die nicht mehr in Pueblo Nuevo wohnen, ein Anlass, einen Besuch abzustatten und nach Hause zu kommen. Patronatsfeste, die Heiligenfeste unserer Kirche, sind Zeiten der Sammlung und der Begegnung, der Treue zu den eigenen Wurzeln. Die katholische Kirche eint, wo die Sekten Spaltung bewirken und ganze Dorf- und Familiengemeinschaften entzweien. Der Leib Christi verträgt keine Spaltung. Die vielen Gaben und Berufungen münden in die eine Sendung.

Das, liebe Schwestern und Brüder, ist in Kürze die Zusammenfassung dessen, was wir im Evangelium gehört haben. Jesus geht am See Genezareth entlang. Er sieht die beiden Brüder Simon und Andreas, die Fischer sind, und sagt ihnen: „Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen!“ (Mt 4,19). Und im Evangelium heißt es weiter: Sofort ließen die beiden ihre Netze liegen und folgten ihm. Es lohnt sich, sich in diese kurze, aber so wichtige Episode tiefer hineinzubegeben. Was mögen die beiden Brüder wohl gedacht haben? Was hat sie ermutigt, alles stehen und liegen zu lassen und dem Fremden nachzufolgen? Dachten sie vielleicht „Mein Leben ist sowieso langweilig, gut, dass etwas Neues passiert“? oder „Mein Bruder geht ja auch mit. Dann kann es so falsch ja nicht sein.“ Oder spürten sie „Dieser Fremde fasziniert mich. Ihm kann ich vertrauen.“ Liebe Schwestern, liebe Brüder, es lohnt sich, uns selbst zu fragen: Was würde mich motivieren, mich bewegen, alles stehen und liegen zu lassen und Jesus Christus nachzufolgen?

Denn, das müssen wir uns immer wieder klarmachen: Zwar hatten die Jünger, und auch Andreas, der der Patron Ihrer schönen Kirche ist, das unvorstellbare Glück, dass sie Jesus persönlich begegnen durften, dass sie mit ihm ziehen konnten und er sein Leben mit ihnen teilte. Doch auch für die Jünger war es ein Wagnis, mit dem Fremden mitzuziehen. Auch sie wissen nicht, was sie erwartet; auch sie müssen sich ein Herz fassen, um Jesus Christus zu folgen. Ähnlich wie die Jünger damals am See Genezareth angesprochen wurden, ruft auch Jesus uns, jeden und jede von uns: „Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen!“ (Mt 4,19)

Liebe Schwestern und Brüder, das ist ein großer Schritt – das weiß ich selbst. Aber wir können sicher sein: wir gehen ihn nicht alleine. Sehen Sie sich um, rechts und links neben Ihnen sitzen Menschen, denen es genauso geht wie Ihnen! Die vielleicht etwas schüchtern sind, ob Jesus Christus wirklich sie meint und denken, ich kann doch gar nichts beitragen. Menschen, die sich schwer tun, alles auf die Karte Jesus Christus zu setzen. Und Menschen, die Mut machen – gemeinsam sind wir stark. Das ist es, was uns alle in der katholischen Kirche verbindet: über Grenzen und Zäune, über so unüberwindbare Berge wie die Anden und so weite Wasser wie den Ozean sind wir miteinander verbunden! Wenn ich aus dem fernen Deutschland jetzt zu Ihnen komme, dann fühle ich mich im Gottesdienst – selbst wenn er in einer Sprache gefeiert wird, die ich kaum verstehe – zuhause! Weil ich weiß, hier stehen Schwestern und Brüder neben mir! Gemeinsam stellen wir uns in die Gegenwart Jesu Christi. Denn: hier gehen wir auf keinen Fall alleine! Einer geht immer mit uns: Jesus Christus. In einer anderen Art und Weise als damals bei den Jüngern, aber nicht weniger wahr und wirklich geht der Auferstandene mit jedem und jeder von uns.

Und er meint Sie und mich, jeden ganz persönlich: Komm, folge mir nach! Niemand ist zu unwichtig oder zu klein, zu wenig gebildet oder nicht mutig genug, dass Jesus ihn nicht meinen würde. Niemand! Jeder Mensch hat eine unverlierbare Würde. Keiner ist so arm, dass er nicht auch etwas geben könnte, und keiner so reich, dass er nicht auch empfangen müsste.

Die Tage des Advents lenken unsere Blicke auf die „anawi‘m“, die Einfachen und Armen. An ihnen vollzieht sich vor aller Augen das Wunder der Liebe Gottes, sie sind der Schauplatz seiner Menschwerdung. „Hochmütige stürzt er vom Thron, Niedrige erhebt er“, so singt Maria, als sie ihre Verwandte Elisabeth besucht. Das Magnifikat ist das Lied der Einfachen und Demütigen, die Gott oft näher sind als die so genannten Großen. „Soy campesina“, ich bin eine Frau aus dem Volk, hat auch Maria gesagt. Und sie hat gesagt: ich bin die Magd des Herrn. Das hat sie schön gemacht, schöner als alle kostbaren Kleider einen Menschen schön machen können.

Schwestern und Brüder, da passiert etwas ganz Neues, wenn Jesus in unser Leben tritt. Er holt die einfachen Fischer zu sich, er will, dass sie seine Freunde und Jünger werden. Jesus ruft jeden und jede von uns auf, seine und ihre Charismen einzubringen, um die Frohe Botschaft weiterzugeben! Der heilige Andreas ist ein ermutigendes Vorbild, die eigenen Stärken einzubringen und mit dem Beistand des Heiligen Geistes in die Welt zu ziehen. Denn alle Menschen, damals wie heute, brauchen die Frohe Botschaft! Wie viel Orientierungslosigkeit gibt es heute, wie viele Menschen, die entweder in Stress und Sorgen ertrinken, oder die verzweifelt sind vor Arbeitslosigkeit! Ihnen allen schulden wir die Frohe Botschaft! In Peru gibt es besonders viele missionarische Kräfte aus anderen lateinamerikanischen Ländern und aus anderen Kontinenten. Durch sie wird das internationale Gesicht der katholischen Kirche erlebbar: das Pfingstwunder der vielen Sprachen und des einen Glaubens wiederholt sich immer neu. Der Apostel Paulus hat es in seinem Brief an die Römer gesagt: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“ (Röm 10,14). Wir, liebe Schwestern, liebe Brüder, sind dazu berufen, die Frohe Botschaft zu verkündigen! Jesus Christus ruft jeden Einzelnen von uns: „Komm her, folge mir nach! Ich will dich zum Menschenfischer machen!“ Folgen wir ihm im Vertrauen auf seinen Ruf und seinen Geist! Amen.

 

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