Predigt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, beim Gottesdienst in Santiago de Chuco am 29. November 2011:
Jes 11,1-10; Lk 10,21-24
Liebe Schwestern und Brüder in der Gemeinschaft des Glaubens!
Gestern bin ich in Peru angekommen, am Flughafen von Lima – und ich habe mich gleich zuhause gefühlt. Fünf Jahre ist es her, dass ich zum letzten Mal in Ihrem wunderschönen Land war – in den Jahren 2004 und 2006 habe ich Peru bereits besucht. Aber hier, bei Ihnen, war ich noch nie und ich freue mich, bei Ihnen zu sein und Sie kennenzulernen!
Und auch wenn ich zum ersten Mal bei Ihnen bin, fühle ich mich nicht fremd: Es ist ein schönes Gefühl, so weit weg von zuhause ein bekanntes Gesicht zu sehen: Ich freue mich, dass Padre Reinaldo sich hier bei Ihnen so gut eingelebt hat. Er ist einer meiner Priester aus der Erzdiözese Freiburg, und als er in unserem Priesterseminar gelebt und studiert hat, war ich sein Direktor – damals. Ich freue mich zu sehen, dass er sich bei Ihnen zuhause fühlt – das liegt sicher mit daran, dass Sie ihn so gut aufgenommen haben! Reinhold Nann ist „Fidei Donum“-Priester. In diesen „Geschenken des Glaubens“ bekommt die Partnerschaft eine ganz besondere Intensität. Der Priestermangel in Deutschland ist kein Grund, nicht auch die internationale pastorale Solidarität zu fördern. Mit Priestern in Peru und auch in Bolivien engagiert sich das Erzbistum Freiburg seit Jahrzehnten auf Ihrem Kontinent.
Über 10.000 km von zuhause entfernt sich zuhause fühlen – geht das? Liebe Schwestern, liebe Brüder, in der Lesung haben wir gehört, wie der Prophet Jesaja uns die verheißene Welt der Zukunft ausmalt. „Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten …. Der Löwe frisst Stroh wie ein Rind. Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter“ (Jes 11,6-8). Ist das nicht eine reine Utopie, reines Wunschdenken? Wir alle wissen, was passiert, wenn ein kleiner Knabe einen Löwen hütet. Aber eigentlich wissen wir ja auch, dass man nicht 10.000 km wegfliegt von zuhause und sich dort daheim fühlt. Was geschieht dann hier, in der Prophetie aus dem Alten Testament und hier bei uns?
Es ist eine Entwicklung ganz nach Jesu Geschmack! Jesus selbst ist der, der wendet, was sich eingefahren hat. Im Evangelium hören wir, wie Jesus zu seinem Vater betet: „Ich preise Dich, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast“ (Lk 10,21). Das ist etwas völlig Neues, ganz anders als die Menschen es je erwartet hätten. Bei Jesus gibt es nicht mehr im Sinne dieser Welt Kluge und Dumme, Reiche und Arme, Schwarze und Weiße. Bei Jesus gibt es nur noch Schwestern und Brüder. Denn wir alle sind berufen von Gott selbst, persönlich angesprochen von ihm. Er ist unser Vater und wir dürfen ihn, wie Jesus, zärtlich „Abba, lieber Vater“ nennen. Wenn aber Gott unser aller Vater ist, sind wir untereinander Schwestern und Brüder. Und was könnte wichtiger sein?
Deshalb, liebe Schwestern und Brüder, fühle ich mich so zuhause, wenn ich zu Ihnen komme. Weil wir gemeinsam vor Gott stehen, weil er uns zu sich einlädt, weil er in der Eucharistie in ganz besonderer Weise in unserer Mitte ist. Hier bricht sein Reich an, weil nicht mehr Deutsch oder Peruanisch zählt, nicht mehr Mann oder Frau, wenn wir zusammen Gott loben!
Am vergangenen Sonntag hat die Adventszeit begonnen. Im Advent gehen wir Jesus Christus entgegen. Aber bei jedem Schritt, den wir tun, wissen wir: Er kommt zu uns! Jesus Christus ist uns immer einen Schritt voraus – auf uns zu! Papst Benedikt hat es deutlich formuliert: „Noch bevor wir sagen können: Ich bin dein, hat Jesus Christus schon zu uns gesagt: „Ich bin dein.“ (…) Mit der Menschwerdung hat der Herr gesagt: „Ich bin dein.“ In der heiligen Eucharistie sagt er immer wieder von neuem: „Ich bin dein“; damit wir antworten können: Herr, ich bin dein. (…) Ich bin dein. Bitten wir den Herrn, dass wir lernen können, dieses Wort mit unserem ganzen Leben zu sagen.“
Dieses Wort „Ich bin dein, Herr!“, lernen wir sagen und leben, indem wir zunächst einmal auf uns selbst schauen. Da entdecken wir, was von uns verlangt ist. Advent ist die Zeit der Umkehr, der Umkehr hin zu Gott. Was Jesus uns heute im Evangelium sagt, gilt uns: Wo meine ich, dass ich wichtiger oder weiser bin als mein Nachbar? Wo halte ich einen anderen für unmündig oder dumm? Wo verhalten wir uns gar nicht wie Schwestern und Brüder in Jesus Christus? Nicht immer ist es angenehm, sich diese Fragen zu stellen. Aber das ist der Weg, auf den Jesus uns einlädt. Der Weg zu ihm. Damit wir ihn mit offenem Herzen begrüßen können, wenn er kommt. Damit wir erkennen, wo er sich unter uns zeigt – wenn das manchmal auch ganz anders ist, als wir es erwarten!
Die Rede des Jesaja sagt uns, dass all unsere Sehnsucht und unser Träumen nach einer besseren, gerechteren, liebevolleren Welt nicht irgendein Gespinst sind, keine Flucht aus der Wirklichkeit, sondern von Gott gegeben: als Offenheit, Ausschauen, Sehnsucht nach dem, was uns geschenkt werden soll. Die Rede von Wolf und Lamm, Säugling und Natter ist nicht nur Traum! Die Worte der Bibel sagen uns: das ist Vorgabe Gottes, die Verheißung, die einmal Wirklichkeit werden wird durch die Kraft Gottes. Gott fügt dies. Er will es uns schenken. Und wir dürfen uns in freudiger Hoffnung danach ausrichten und dafür öffnen.
Der Advent ist die Zeit, die uns neu öffnen und wach machen möchte für diese Verheißung und Hoffnung. Weihnachten zeigt uns etwas von dem, wie diese Verheißung einmal erfüllt werden wird.
Gott kommt auf uns zu. Manchmal ganz anders, als wir ihn erwarten. Advent bedeutet, offen zu sein für die kleinen Aufbrüche des Reiches Gottes. Es bricht an, wenn wir einander als Schwestern und Brüder begrüßen – vielleicht obwohl wir uns noch nie gesehen haben. Wenn ein Streit geschlichtet wird. Wenn ein böses Wort aus der Welt genommen wird. Gott selbst ist dann unter uns; er kommt auf uns zu und schenkt uns, was wir nicht selbst vermögen. Darauf dürfen wir vertrauen.
Dann beginnt, was uns der Prophet Jesaja verheißen hat; wie der Dichter der Psalmen sagt: „Gerechtigkeit und Friede küssen sich“ (Ps 85,11). Dann wird Gottes Reich unter uns Wirklichkeit. Amen.
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Schlagworte: Dr. Robert Zollitsch, Erzbistum Freiburg, Lateinamerika, Lima, Nann, Partnerschaft, Peru, Predigt, Reinaldo, Santiago de Chuco



